Moselwanderung

Moselwanderungen
- Beilstein-Zell-Beilstein -

Nä, wat han mer’s jot, dat mer im Rhingland levve!

Ein Stündchen von den rheinischen Städten mit dem Auto oder Zug, und schon ist man am romantischen Mittelrhein, an der landschaftlich reizvollen Ahr, anderthalb Stündchen bis zur lieblichen Mosel und noch weniger in die weite, raue und menschenarme Eifel.

Landschaft und Wein, das harmoniert besonders am Mitterhein und besonders an der Mosel, und: … das Weinstädtchen Beilstein im warmen Licht der niedergehenden Abendsonne am Ufer der Mosel liegen zu sehen, herrlich, unvergesslich – so rheinisch!

Es gibt Landschaftsbilder im romantischen Rheinland, die sind ein „MUSS“ sie zu sehen, um diese mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Im Hier und Jetzt, dann für die Zeit zu Hause in der Erinnerung zu wahren, für die lange graue Winterzeit und später, nach dem eigenen Ableben, nimmt man diese Bilder mit in die eigene, ganze Ewigkeit. Das gilt für einen ambitionierten Rheinländer, und das gilt für einen passionierten Wanderer, sowieso!

Und eines dieser Landschaftsbilder ist der höchst persönliche Blick auf das winzige Städtchen Beilstein, das eingeschmiegt in einem Talausläufer des Hunsrücks und unmittelbar am Ufer der mäandernden Mosel gelegen ist.


 

Beilstein am frühen Morgen

Beilstein im Spiegel der Mosel


Ob am frühen Morgen die Ostseite der Fassade der Karmeliterkirche von Beilstein hell in der Sonne leuchtet oder am späten Nachmittag die Burgruine Metternich mit dem herbstlich bunten Weinhang im milden Licht erblickt wird. Die Mosel blank wie ein Spiegel daliegt oder vom Wind oder von der Bewegung eines Schiffes leicht gekräuselt sanft flussab zieht. Das muss ein Wander- und Rheinlandromantiker mit eigenen Augen gesehen haben!

Dieses Moselpanorama nimmt jeder bewusste und achtsame Besucher tief mit Körper, Geist und Seele in sich auf. Das bleibt! Davon kann er erzählen, immer wieder sich selbst, wenn er die Bilder aus seiner Erinnerung herbeizaubert, aber auch vielleicht den Lieben zu Hause.

Für einen Wanderer und damit für HGE, ist es jedoch undenkbar, dass dieses dichte und intensive Bild anstrengungslos verschenkt würde, dass es lediglich genügte, nach langer Autofahrt auszusteigen, mit den vielen anderen Touristen in den winzigen Ortskern zu schlendern, Kaffee oder Wein zu trinken, ein Foto zu schießen, um dann wieder mit dem Auto abzufahren.

Um Beilstein, die Burg Metternich, im warmen abendlichen Licht zu erblicken, da ist der Wanderer und damit HGE doch sage und schreibe vorher so siebeneinhalb Stunden zu Fuß unterwegs gewesen. Erst gegen Ende der langen Wanderung, vom Weinort Briedern aus, in der letzten Moselschleife vor Beilstein, noch etwa zwei Kilometer weit weg, erwartet den Wanderer das ersehnte Bild: Beilstein in abendlicher Sonne.

Schon seit der Antike haben die Philosophen gefordert: nur „per aspera ad astra“, nur auf „rauem“ Wege gelänge man zu den „Sternen“, oder unsere deutschen Volksweisheiten wussten: „ohne Fleiß kein Preis“ und „vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt“. Nicht der „leichte Weg“ ist zu nehmen, sondern die „weniger befahrene Straße“ und die „enge Pforte“, der schmale „enge phat“ den kaum einer kennt, und nicht die bequeme „straze“ (Gralslegende). „Wenn es anstrengend war, dann war es gut“, wusste Goethe.

Also, lieber Wanderer, machen wir uns auf. Verlassen wir Beilstein auf dem historischen Wanderweg - M -, dem Moselhöhenweg. Er soll uns über die Höhen des Hunsrücks von Beilstein nach Merl/Zell wieder an die Mosel führen. Von dort folgen wir dem Leinpfad zurück nach Beilstein. Wer nicht so lange wandern möchte oder kann, nimmt in der Saison vielleicht das Nachmittagsschiff von Zell aus zurück oder ab Bullay den Rhein-Mosel-Bus.

„Der Wanderweg nach Zell ist ziemlich zugewachsen“, sagt der nette ältere Herr, wohl der Chef des Hauses, am frühen Morgen auf der von Bäumen und Blumen eingewachsenen Terrasse des Hotels Lipmann. Spricht er nicht Deutsch mit skandinavischem Einschlag? Steht er nicht kerzengerade da mit einem Besen in der Hand, weißem Schnurbart, sommerlichem Strohhut und blauer Schürze wie eine amerikanische Reklamefigur aus den fünfziger Jahren, die für guten, alten und ausgereiften Whiskey Reklame macht? „Das haben mir schwedische Gäste gesagt, die den Weg kürzlich gewandert sind. Er wird wohl nicht mehr viel begangen“.

Heute ist ein blitzeblanker Sommertag. Bald kommen die ersten Tagesgäste. Die Terrasse über der Mosel ist ein beliebter Einkehrort.

Seit der Moselwanderweg, Markierung durch den Hunsrück Wanderverein mit: – M – ,1910 fertig wurde, komplimentiert er die Wanderer durch den Hinterausgang von Beilstein auf der Landstraße L 200 – Alte Wehrstraße - hinaus. Statt dem Wanderer die herrlichen Blicke von der Ruine Burg Metternich hoch über Beilstein und vom 352 m hohen Schellenberg auf die mäandernde Mosellandschaft zu schenken, geht’s ohne eigenen Fußweg auf dem Straßenasphalt zwei Kilometer weit hangauf in den Hunsrück, bis der Pfad in einen muffigen Hohlweg lenkt. 1910 mochte dies richtig gewesen sein, heute möchte man jedoch lieber die Mosel sehen!

Jahrhundertelang führten Hohlwege vom Moseltal auf den auf dem Bergkamm gelegenen „Rennweg“. Hier fuhren die Postkutsche und die Lastkarren unbehindert von Überschwemmungen und winterlichen Eisbarrieren am Uferweg von Ort zu Ort. Am Moselufer, auf der Beilsteiner Seite, gab es bis nach dem 2. Weltkrieg keine Straße. Die Hohlwege verbanden die Moselorte mit dem Rennweg hoch oben.

Am Weg frisch geschlagene Fichtenstämme. Die Luft ist kühl und würzig. Es riecht nach Harz.

Für den Wanderer bedeutet dies heute: keine Mosel, keine Weingärten sind zu sehen. Erst auf der Hochebene, “Auf dem Erft“, vor dem Dorf Grenderich wird die lichte Höhe erreicht und nun erst werden freie Blicke bis hinunter auf die Mosel und in die Weite der fernen Eifel geboten.

Aber heute geht HGE einfach einen anderen Weg. Er nimmt nicht den alten Mosel-Höhenweg. Neben dem mittelalterlichen Zehnthaus am winzigen Beilsteiner Marktplatz führt ein schmaler Gang zwischen Gemäuern hinaus in die Weinberge unterhalb der Burgruine Metternich. Steil hinauf geht’s bis zur Burg und dann dort zur Weinbergkapelle „Zu den drei Kreuzen“ und weiter am alten Jüdischen Friedhof entlang in den grünen Bergwald bis zum Aussichtspunkt: Waldeslust auf dem Schellenberg. Auch dies war in früheren Zeiten, die lange zurückliegen, ein vielbegangener Spazierweg. Man merkt es an den ausgetreten Pfaden, an verblichen Wegmarkierungen, an verrutschten Holzstufen im Wald.

Früher, als Reisen noch kostspielig und zeitaufwendig war, wenn man mit dem Dampfzug von den Städten der Rheinschiene über Koblenz nach Cochem fuhr, in den Moseldampfer nach Beilstein umstiegt, blieb man selbstverständlich den ganzen Tag hier, erkundete die Gegend zu Fuß, ließ sich Zeit, aß mitgebrachte Butterbrote, trank am späten Nachmittag Kaffee auf einer der schönen Moselterrassen. mit einem Stück Weinbergtorte. Einige Gläser kühler Beilsteiner Riesling brachte lustigen Schwung in die Gesellschaft. Da man kein Auto fuhr, konnte der Tag beschwipst verbracht werden. Kam man einmal im Leben nach Beilstein oder vielleicht zweimal? Und auf der Rückfahrt ging es dann im Zug nach Köln, Düsseldorf oder vielleicht Frankfurt hoch her. Dann war es ein schöner Ausflug gewesen!

Auf dem Schellenberg erlebt man aus 300 Meter Bergeshöhe beim Rastplatz: Waldeslust einen weiten Blick auf den Cochemer Moselkrampen mit den Ellenz-Poltersdorfer Weinlagen. Da muss HGE erst einmal verweilen, so schön ist der Blick auch auf Beilstein!

Beilstein vom Schellenberg aus


Mit einer guten Wanderkarte und einigem Orientierungsgeschick findet HGE dann den Weg aus dem Wald wieder auf den Mosel-Höhenweg zurück. Wegemarkierungen gibt es nicht. Man braucht die Karte, eventuell einen Kompass und Orientierungsgeschick! Über die von Senheim heraufkommende Autostraße geht’s wieder hinein in einen der vielen Hohlwege, und warm gelaufen, kommt HGE „Auf dem Erft“ in 380 Meter Höhe an. Von 88 Meter Moselhöhe auf 380 Meter Hunsrückhöhe. Bei der „Alten Schanze“ bietet eine Hütte aus Stein bei einem Regenschauer oder Gewittersturm Unterschlupf.

Das Sommergetreide steht auf dem Halm. Der trockene Südostwind bringt das Geruchsaroma mit. HGE zieht es bewusst mit der Nase auf.
Gerüche bauen Erinnerungspfade in die Kinderzeit auf. HGE’s Urgroßvater Emil Förster, Telegramm-Adresse: Getreideförster, hatte vor dem Krieg in Zwickau in Sachsen einen Getreidehandel, eine “Pferdetankstelle“. Hafer, Gerste, Weizen. Als HGE 1952 dort von Hamburg aus zu Besuch war, roch es noch überall im Haus nach Getreide.

Das größte Geschenk der Natur an die Menschen ist seit Jahrtausenden das Getreide. Wenn es genügend Getreide gab, ging es den Menschen gut. Der Wohlgeruch reifen Getreides vermittelt daher Wohlstand und Sicherheit. Das haben die Menschen weltweit bis heute verinnerlicht.

Vor dem Dorf Grenderich: Eine Wegekreuzung. Eine weiße Marienkapelle. Ein grüner Lindenbaum. In der Wanderkarte als „Lindenhäuschen“ bezeichnet. Eine Sitzbank im Schatten. Die Wegkreuzung: Keltenweg, Römerstraße, Ausoniusweg, Sankt Jakobspilgerweg und Moselhöhenweg. Alle diese Wege treffen hier seit Jahren, ja seit Jahrtausenden zusammen.


"Lindenhäuschen" bei Grenderich

Magischer Ort


Und als christliche Kapelle dient sie nun den Bewohnern der Gegend als geistliche Zuflucht: Maria hat geholfen!

Ein weiter Blick auf die Moselränder und die ferne Eifel. So typisch ist das für das katholische Rheinland. Eine Kapelle an einem besonderen, einem magischen Ort. HGE spürt die Kräfte.

Ja! Maria hat geholfen, „Dank der lieben Gottesmutter“ - so weisen es die verschiedenen marmornen Votivtafeln aus.

Und die Mutter von Jesus, unsere Erdenmutter, hilft, wenn man sich vertrauensvoll an sie wendet. Im selben Moment. Denn ab sofort werden die Sorgen und Beschwernisse von zwei Schultern getragen. Das erleichtert! Maria hat geholfen! Man muss sich nur darauf einlassen!

In der Düsseldorfer Sankt Lambertus Kirche, in der Altstadt, hinter dem Hauptaltar, da kann der Besucher der Gnadenfigur Maria frisch und frei in ihr feines, freundliches Gesicht blicken. Da muss er sich nur auf die erste schwarze Marmorsteinstufe hinter dem Hauptaltar stellen. Sich in der zentralen Achse zwischen der Grablege von Herzog Wilhelm V. „dem Reichen“ und dem Reliquienschrein des Sankt Willeici ausrichten.

Dann ist der Besucher mit dieser einmalig schönen Maria in Augenhöhe. Und wenn man etwas länger hinschaut, ohne Furcht vor anderen Besuchern und ohne nervöse Hast, dann lächelt Maria den Besucher offen und freundlich an. Diese Madonna lebt! Ja, sie lebt wirklich, sie nimmt stillen Augenkontakt auf. Jeder kann sich davon überzeugen. Man traue sich nur, diesem Blick einige Sekunden oder Minuten standzuhalten. Seit 1334 sitzt sie dort mit Jesus auf dem Arm und hat schon viele Pilger und Hilfesuchende aus den weiten Rheinlanden angezogen. Sankt Jakobus mit seinem Pilgerstab, der Heilige der Pilger, schaut vom Fresko herüber. Bezaubert von ihrem Charme geht noch heute der Tag beschwingt und leichter weiter. Wer möchte, hinterlässt im großen Sorgenbuch seine Beschwernisse oder seine Danksagungen. In Sprachen aus aller Welt findet man Eintragungen.

Auch die „Schwarze Madonna von Benrath“ besuchen viele, um Entlastung von Sorgen und Leid geschenkt zu bekommen. Während der Meditation kann man auf den bemalten Fenstern der Seitenkapelle von St. Cäcilia lesen:

Maria - goldenes Haus
Maria - Morgenstern
Maria - geheimnisvolle Rose
Maria - elfenbeinener Turm
Maria - gerechter Spiegel
Maria - helfende Hand

Und auch Beilstein hat seine „Schwarze Madonna“, die spanische Soldateska während des Dreißigjährigen Krieges nach hier mitgebracht und den Anwohnern geschenkt hatten, und die noch heute Wallfahrer in die Klosterkirche führt.

Passionierte Wanderer gehen andächtig durch die großartige, ja göttliche Eifel- und Hunsrücknatur. Langstreckenwanderer werden achtsamer. Sie gehen sorgsam mit Tieren und Pflanzen um, schonen die Landschaft, die sie durchstreifen. Sie suchen ja nicht den kürzesten, den einfachsten Weg. Nein, sie lieben nicht das Bequeme, möchten nicht, dass andere ihnen das Denken, Handeln und Erleben abnehmen. Sie suchen und finden so manches Mal in ihrem Leben durch eigene Anstrengung „die weniger befahrene Strasse“ und die „enge Pforte“ wie Linus Mundy in seinem Geh-Betbuch ausführt.

Wegweiser


Auf dem „Judenpfädchen“, so heißt hier der Wanderpfad, geht’s durch dichten Wald nach Merl an die Mosel. Juden trugen seit dem Mittelalter durch Weinhandel und Geldgeschäfte dazu bei, den Wohlstand von Beilstein zu mehren. Durch ihren regen Handel waren sie viel zu Fuß unterwegs und schnitten auf dem Judenpfädchen über die Hunsrückhöhen die weiten Moselschleifen ab, um in die nächst größeren Orte, so auch zum nächstgelegenen Hauptort, Zell, zu kommen. Heute wird dieser Wanderweg wenig gegangen. Damit der schmale Pfad von Wanderern überhaupt gefunden wird, haben besorgte Bürgermeister und Tourismusfachleute den Wanderweg auf Teilstrecken mit einem Rasenmäher Schneisen in den Bewuchs mähen lassen. Hier hat HGE im Herbst sogar mal den einen oder anderen Steinpilz am Wegesrand gefunden. Spinnweben die ihm ins Gesicht wehten, zeigten an, HGE ist heute der Erste, der hier unterwegs war.

Auf dem Kreuzborn, in 421 Meter Bergeshöhe, befindet sich eine wichtige Wanderwegkreuzung. Der Moselhöhenweg führt gerade aus hinunter nach Merl, der Jakobspilgerpfad biegt nach rechts ins fünf Kilometer ferne Bullay an die Mosel ab, und scharf rechts geht’s zum Hochkessel und weiter zum geschichtsberühmten Petersberg oberhalb von Neef.

„Ist es noch weit bis zur Höhe“, fragt der ältere und sichtbar schwitzende Mann, der in einer dreier Wandergruppe vom Moseltal her aufsteigt. Endlich begegnet HGE heute mal Wanderern. „Nein, Sie haben es gleich geschafft! Es ist nicht mehr weit!“ sagt HGE und flunkert ein wenig. Es geht sich leichter, wenn man weiß, dass es nicht mehr weit ist. Seltsam, auf einem der schönsten Wanderwege Deutschlands sind so wenige Wanderer unterwegs. Die Pfade wachsen zu, die früheren Aussichtsplätze verbuschen, die Wanderzeichen, das – M –, verblassen und verschwinden bald ganz. Pfosten und Schilder verfaulen, und der Wanderer ist auf seine Karte angewiesen und auf seinen Orientierungssinn. Unten im Moseltal, da „brummt der Bär“. Da fahren die Autos und die Busse der Touristen in großer Zahl. Ausflügler sind in Gruppen fröhlich schwätzend auf Fahrrädern von einem Weinort zum nächsten unterwegs, schlendern am Uferweg wenige Meter schon mal von Beilstein nach Briedern oder von Merl nach Zell. Der anstrengende Moselhöhenweg wird wohl nicht mehr geschätzt.

Der Wanderer an Mosel, Rhein und Ahr kennt es. Steigt er aus den Höhen hinunter ins Flusstal, so verändert sich die Pflanzenwelt alle Hundert Schritt. Aus lichtdunklen Buchen- und muffig dürren Fichtenwäldern werden helle Traubeneichenbereiche mit hochreichenden Wildkirschen und kratzigen Weißdornbüschen. Die ersten Trockenmauern aus uralter Zeit sind zu sehen. Bis hier hoch bauten die Talbewohner noch bis nach dem 2. Weltkrieg in Nutzgärten Äpfel, Birnen, Kirschen, Weinbergpfirsiche und Nüsse, den letzten sauren Wein an. Heute ist alles wild zusammengewachsen, das Brombeergesträuch, der Riesling sucht mit langen Trieben Sonne und Wärme, Holunder und Schlehen kämpfen um das Licht. Die Mühe der Pflege der Gärten macht man sich nicht mehr. Die wichtigen hanghaltenden Trockenmauern verfallen langsam.

Oberhalb von Merl


Nun bleibt der Wald zurück. Merl liegt im Tal. Die Groß-Weinlage „Schwarze Katz“ öffnet sich. Die Weinerzeuger bauen hier der heißen Südsonne ausgesetzt den Merler Klosterberg an. Neben dem Hanggebüsch reifen wilde Walderdbeeren, deren köstliches Erdbeeraroma HGE sich über die Hand verstreicht, indem er einige Beeren zerdrückt. Das Aroma hält sich bis zum Abend auf der Haut. Schon dem Pfadfinder HGE verhalfen frische Aromen die weiten Wanderungen in heißer Sonne besser zu überstehen. Was gab’s da am Wegesrand und in schmalen Wasserläufen an Aromapflanzen? Zum Beispiel die aromatische Wasserminze, die köstlichen frischen Triebe der Fichten im Frühling, aber auch ein Stück Orangen- oder Zitronenschale von zu Hause, deren Öl HGE sich auf den Handrücken drückte.

Ein kleines „Lourdes“ zeigt sich im Sonnenhang des Klosterbergs, neben einer Kapelle im Stile des Historismus. Fleißige Hände haben eine schmale Madonna in eine Felsennische gestellt, alles herum mit einer bunten Blumenpracht geschmückt und für denjenigen Gläubigen, der sich lieber an Jesus hält, auch einen segnenden Jesus dazugesellt. Wer des Abends von Merl zur Andacht hier heraufpilgert, hat sich hernach ein Glas kühlen Merler Klosterberg Riesling verdient.

Am Klosterberg oberhalb von Merl


Hat HGE nicht einmal in einer Mauernische der Klosterkirche von Eberbach eine halbliterkleine Flasche kostbarsten Eiswein gesehen, leer getrunken von einem vermutlich Verzweifelten, oder einem Hoffenden, oder von jemanden am Ende seines quälenden Leidenlebens? Ein letzter Schluck Rheingauwein auf ein gehabtes Leben?

Eine uralte Kirche und eine Flasche Wein helfen über dunkle Stimmungen hinweg. Auf jedem Fall im Rheinland! Ja, das hilft und das bleibt! Auch an Mosel, Rhein und Ahr finden sich an schönen Aussichtsplätzen leergetrunkene Weinflaschen.

Jetzt, nach zweieinhalb beschwerlichen, aber auch lohnenswerten Wanderstunden ist Merl am Moselufer erreicht.

Im Ortskern kommt HGE an der frühgotischen Merler Klosterkirche des alten Minoritenklosters entlang. An deren Eingangsportal hat man das Moselhochwasser von 1573 markiert, kopfhoch verlangte die Mosel Zugang zur Kirche.

Jenseits der Uferstraße hat die Gemeinde am Moselufer einen alten Eisturm, der Eisschollen vom Ort abhalten sollte, wieder neu errichtet.
Das sich daran anschließende Gebäude war einmal der Bahnhof von Merl der früheren Moseltalbahn.

Bei Eingeweihten hieß diese Bahn, die ab August 1905 von Trier am rechten Moselufer bis nach Bullay und zurück dampfte, das „Saufbähnchen“. Das Sprachgenie Kurt Tucholsky war im Oktober 1929 mit seinen Freunden Karlchen und Jakopp von Trier nach Bullay unterwegs. Mit 20 Kilometer in der Stunde juckelte die Bahn gemächlich in 4 Stunden durch das Moseltal. An den vielen Bahnhöfen blieb den Reisenden genügend Zeit, noch eine Flasche gekühlten Moselwein zu kaufen und diese bis zum nächsten Halt im eleganten Salonwagen zu genießen: Trierer Jesuiten-Kreuzberg, Trittenheimer Altärchen, Neumagener Laudamusberg, Berncasteler Doctor, Wehlener Sonnenuhr, Kröver Nacktarsch, Zeller Schwarze Katz und wie sie alle heißen.

Die Direktion der Moseltalbahn in Trier wusste in ihrer Anzeige im Eifelführer von 1911: „Moselfahrer reisen am bequemsten und am angenehmsten mit den Zügen der Moseltalbahn“. Und um die Bequemlichkeit für die Reisenden zu unterstreichen, zeigt das Anzeigenfoto drei plüschig bequeme Sofas mit gepolsterten Lehnen auf jeder Seite des Wagens. Für Flaschen und Gläser sind schmale Tische aufgestellt.

Der alte Bahnhof von Merl / Werbung im Eifelführer



Für einen ordentlichen Schwips müsste das bei Tucholsky und seinen Saufkumpanen gereicht haben. In Bullay stiegen sie dann in die „Kanonenbahn“ nach Koblenz um, die Tucholsky einen „seriösen Zug“ nannte. „Wir soffen uns langsam den Fluß hinab….“ Volltrunken kamen sie in „Kolbenz“ (Tucholsky/Weltbühne) an.

Die Lagennamen der Weingärten haben sich HGE seit den Fünfziger-Jahren eingeprägt. Damals begann nach dem verloren Krieg und dem damit verbundenen langen Darben die „Fress- und Trinkwelle“. Häufig kam Besuch ins Hamburg-Blankeneser Haus. Im Keller lagen die Weinflaschen von Mosel, Rhein und Nahe aufgestapelt. Die urigen Namen und Moselbildchen auf den Etiketten faszinierten den kleinen HGE damals.

Wie weiter, lieber Wanderer? Am Moselufer nach rechts bedeutet: 25 Kilometer auf dem Treidelpfad bis nach Beilstein, ungefähr 5 Stunden Fußweg. Oder 1 Kilometer nach links, nach Zell, und später mit dem Schiff der alteingesessenen Schifferfamilie Gebrüder Kolb um 16.15 zurück nach Beilstein: Ankunft 18.00 Uhr.

HGE wendet seine Schritte nach rechts. Schließlich möchte HGE Beilstein, erschöpft aber zufrieden, mit brennenden Sohlen nach der letzten Moselbiegung, nach dem Örtchen Briedern, im Abendlicht liegen sehen. Einmal oder vielleicht zweimal in seinem Wanderleben kann man diesen Weg doch gehen, oder? HGE sagt: ja, los!

Heute ist der Fuß- und Radweg in Merl am Moselufer mit einem großen Partyzelt überbaut. Tische und Stühle stehen bereit. Große Weinverkostung für die vielen Moselbesucher. Wein wird rechts und links vom Asphaltband des Uferweges glasweise ausgeschenkt, verkostet. Laut Internet sind 21 Winzer im Weinbaugebiet Merl/Zell aufgeführt.

Die Winzer von Merl/Zell stellen sich vor: einer der bekanntesten Winzer des Ortes: „Kallfelz“. Jeden Weihnachten kam jahrelang ein Karton vom Geschäftsfreund Dr. W. bei HGE in Düsseldorf an, mit sechs Flaschen Wein: Riesling-Hochgewächs, trocken mit der Goldene Kammerpreismünze Rheinland-Pfalz, der Landesprämierung und mit 2 Flaschen Riesling-Sekt. Knusprig gebratene Weihnachtsgans und Kallfelz Riesling im Kreise der Familie am 1.Weihnachtsfeiertag genossen, das ist ein deutsches Hochgefühl im trüben niederrheinischen Winter!

„Wein, Mensch, Natur“ Ansichten eines Mosel-Winzers. So hat Albert Kallfelz sein Buch genannt, das dem Weinpräsent beigefügt war.

Beim Vorbeiwandern auf dem Uferweg bemerkt HGE vor dem kallfelzischen Weingut, am Ende des Örtchens Merl, einen parkenden schwarzen Audi aus Konstanz. Wein wird wohl verkostet, geordert und im Kofferraum verstaut, um am Bodensee den charakterreichen Riesling von der Mosel zu genießen.

Auf halben Wege nach Bullay, dem nächsten Ort, da dümpelt am Moselsteg der alte Schleppdampfer „de ol Trischen“ von 1914. Das kann man am Schornstein lesen. So ein Schmuckstück! Auf der Mosel! so gepflegt und top aussehend liegt er immer so unbewegt da. Als Hamburger Junge erinnert sich HGE an die für Dampfer gefährliche Sandbank „Trischen“ in der Nordsee vor der Elbmündung. Ob der kleine Schleppdampfer wohl mit der rauen Nordsee zurechtkäme? Mit hinten dran einem defekten Kahn? Kann sich HGE nicht vorstellen!

de ol Trischen


Jetzt ist Bullay erreicht. Bullay mit der berühmten Doppelstockbrücke über der Mosel. Oben Züge, unten Autos, Radfahrer und Fußgänger.

Der Wanderer vernimmt das Rattern der Züge, die über die Eisenbrücke fahren. Beeindruckend ist sie! Erbaut 1878. Da bleibt man als Wanderer erst einmal stehen, und schaut den Zügen zu, die da oben fahren. Drüben, am anderen Ufer erscheinen sie urplötzlich aus einem Tunnel kommend oder verschwinden darin.

Hier in Bullay gab es bis 1957 einen Eisenbahnknotenpunkt. Früher hielt hier die Staatsbahn des Deutschen Reiches, zu Kaiser-Wilhelms-Zeiten auch „Kanonenbahn“ auf der Strecke Berlin - Metz genannt. Und das „Saufbähnle“, das rechts der Mosel von Trier kam. Auch konnte man in die „Moselweinbahn“ für eine Kurzstrecke nach Traben-Trabach umsteigen.

In Griebens Moselführer von 1922 heißt es: „Vom Bahnhof prachtvolle Aussicht nach Alf, Marienburg, Aussichtsturm „Prinzenkopf“, Waldfrieden und Burg Arras“.

Heute ist der Bahnhof von Bullay „der wichtigste Bahnhof der Gegend“ (Internet „Bullay“). Im Stundentakt hält der Regional-Express.

HGE besitzt für seinen PC das Computerprogramm „Train Simulator 2016“, die phantastische Eisenbahnsimulation mit dem Zusatzprogramm „Durch’s Moseltal“. So manchen trüben Wintertag ist HGE schon die 112 Kilometer lange Strecke Trier - Koblenz oder zurück mit den verschiedensten Zügen, schnellen Personen- und langen Frachtzügen - am Computerplatz in Düsseldorf – gefahren. Hier vor Bullay erst durch den Prinzenkopf-Tunnel in der Moselschleife gegenüber Pünderich und dann ratternd über die alte Eisenbrücke mit Halt am Bahnhof Bullay. Der nächster Bahnhof in Richtung Koblenz ist dann Neef, unterhalb des Petersbergs, dann erfolgt die Durchfahrt durch den Petersbergtunnel und weiter über die Moselbrücke bei Ediger-Eller, um danach in den kilometerlangen Kaiser-Wilhelm-Tunnel einzufahren. Nächster Halt direkt nach dem Tunnel ist die Touristenstadt Cochem mit dem beeindruckenden Bahnhofsgebäude im historischen Stil. Hier hält HGE immer seinen Computerzug erst einmal an, um die Cochemer Moselatmosphäre zu genießen.

Brücke Bullay und screenshot Trainsimulator 2016


Schön! Toll, was man heute an seinem Computer so alles erleben kann!

Von Bullay aus, auf einer Bank unter schattengebenden Bäumen am Moselufer sitzend, hat HGE einen schönen Blick auf das gemütliche und reizvoll gelegene Städtchen Alf und auf den Bergfried der Burg Arras.

Drüben in Alf mündet das Flüsschen Alf, das seit der Römerzeit auch das verbrauchte Thermalwasser aus dem nahen Bad Bertrich mitbringt. Bad Bertrich auch so eine abseits gelegene Oase der Ruhe. Die spätantiken Kaiser aus dem nahen Trier kurten hier. Alles hier hat keltisch-römische Wurzeln. Burg Arras steht auf Fundamenten eines römischen Wachtturms, der eine Römerstraße nach Trier überwachte und Licht-, Schall- oder Flaggensignale zur Kaiserhauptstadt weiterleitete.

Hier packt HGE sein mitgeführtes Butterbrot aus, trinkt vom Mineralwasser, schaut auf den Ausflugsdampfer „Maria von Beilstein“ der gerade mit nur wenigen Passagieren vorbeischippert und genießt den warmen Sommer und das Dasein. Wanderer sind gutgelaunte Menschen, hat man je einem mürrischen Wanderer gesehen?

Alf von Bullay aus gesehen


Das ist hier alles so wundervoll moselländisch, dass HGE einfach Hermann Ritter zitieren muss, der 1924 in einem Aufsatz „Rheinische Landschaft“ geschrieben hat: „Hinter Schweich beginnt dann das eigentliche, glückselig verträumte Moselland, das Tal des zwischen Weinhängen und hohen Schieferbergen in gleichmäßiger Ruhe und endlosen Windungen abtreibenden grünen Flusses, eine Schatzkammer deutschen Weines, deutscher Poesie und Romantik…..“ und weiter „ Aber der Moselzauber lebt auch in ihren Gassen (der Orte am Fluss) mit Weinpoesie, uralten Geschichten und Mären und verstärkt sich dann sofort wieder bei der Weiterfahrt vorbei an alten Nestern, Stätten römischer Kultur, Burgen, Klöstern, um die der Wein überall seine lustigen Kränze windet, wo sich bei jeder Biegung des Flusses ein neues entzückendes Landschaftsbild öffnet“.

Wer von Bullay aus nicht mehr laufen will oder kann, wartet drüben in Alf an der Bushaltestelle, ein paar Schritt vom Fähranleger weg, auf den Rhein-Mosel-Bus Nr. 711. Der fährt von Bullay Bahnhof jede Stunde nach Cochem. An der Fähre von Beilstein kann man sich absetzen lassen.

HGE hat ja nun bei seinen Moselwanderungen im Laufe der Jahre verschiedene Wege von Beilstein nach Merl/Zell und wieder zurück nach Beilstein genommen. Er wollte dabei auch das eine oder andere Mal das jenseitige Moselufer erkunden. Also heute mal zu Fuß weiter auf der anderen, der linken Moselseite!

Eine Fähre, die schon im Baedeker von 1886 Erwähnung findet, bringt HGE an das andere Ufer nach Alf. „Heute ist aber nichts los, und das trotz des schönen Wetters“, sagt der Fährmann zu HGE als HGE sich ein wenig wandererschöpft auf die Bank in der alten Passagierfähre setzt. HGE ist der einzige Fahrgast. „Sie brauchen mich nicht allein hinüberzubringen, ich warte gern ein wenig“. Aber kein weiterer Passagier kommt; also wirft der Fährmann den Diesel an, und in zwei Minuten ist man drüben. Laut plärrt das alte Transistorradio: Bundesliga live in SWR1.

Das jahrelange Pfadfinderleben als Schüler hat HGE die Freude am Wandern in den reizvollen deutschen Landen vermittelt, aber auch die prägenden Lehrer während der Schulzeit, die sich den Mühen unterwarfen, um uns auf Klassenreisen Kulturschätze und Geschichte Westdeutschlands und Europas näher zu bringen.

Gern denkt HGE an Dr. Halske, „Papa Halske“, seinen alten Klassenlehrer zurück, der im schon fortgeschrittenen Alter mit uns Lausebengeln und braven Mädchen – in den 60ziger Jahren des letzten Jahrhunderts – auf Klassenreise ging, nach Wolfenbüttel zum Beispiel, um die weltbekannte Bibliothek (Leibniz, Lessing) zu besuchen oder nach Goslar mit der Kaiserpfalz (Ottonen, Salier) und auch nach Colmar, um dort den berühmten Isenheimer Altar anzuschauen. In anderen Schuljahren waren es Orte wie Brüssel, Verdun mit dem Fort Douaumont, Straßburg, Luxemburg und Trier. Auch an die Jugendherberge von Traben-Trarbach und an den heftigen Rausch vom Moselwein kann sich HGE noch deutlich erinnern.

Lebhaft erinnert sich HGE auch an den Aufenthalt in Trier und den Besuch des früher so genannten Provinzialrömischen Museums, heute Rheinisches Landesmuseum Trier, direkt bei den antiken Kaiserthermen. Das Museum hat HGE so begeistert, besonders die römischen Grabmäler – wie das Weinschiff aus Neumagen, die Igler Säule, die beeindruckenden Bodenmosaike mit lebendigen Szenen aus der Römerzeit –, dass er sich sein Leben lang für die römische Zeit interessierte.

Dr. Halske schlimmste Ermahnung, wenn man als Schüler während der Schulstunde einmal störte oder frech war, lautete: „Du schwarze Seele!“
Wenn zu Weihnachten die Feuerzangenbowle im Fernsehen läuft, und Professor Bömmel fragt: „Wat is’n Dampfmaschin?“ Ja, dann denkt HGE auch an Papa Halske. Wir waren alle sehr traurig, als wir ihn zu Grabe trugen.

Und für einige Jahre war unser Deutschlehrer, der bereits pensionierte Gymnasialdirektor aus Hamburg-Blankenese, Dr. Nicolaysen. Für uns Schüler war er wegen seiner beeindruckenden Gestalt und seiner fundierten Kenntnisse: „Professor“ Nicolaysen. Die Deutschstunden im Sommer fanden an schönen Tagen im Park, unter einem schattengebenden Baum statt. „Professor“ Nicolaysen war begeistert von der Deutschen Klassik, von Goethe und Schiller, und von Griechenland. Sobald er ein besonderes Bonmots zitierte, folgte sofort: „köstlich, köstlich, köstlich!“ Rieb er sich dabei nicht stets seine Nase?„Auch das Schöne muss sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,…“ Köstlich, köstlich, köstlich!

Professor Nicolaysen hat HGE als großgewachsenen, schlanken Herrn in Erinnerung, der stets braungebrannt, sommers wie winters mit Sandalen, vermutlich wegen seiner Griechenlandliebe, einige Kilometer zu Fuß zur Schule unterwegs war. HGE sauste auf seiner Fahrt zur Schule mit seinem Fahrrad an ihm vorbei. Stets ging er in Gedanken versunken seinen Weg.

Diese zwei herausragenden Lehrerpersönlichkeiten hatten doch merklichen Einfluss auf die späteren Interessen an Natur, Kultur und Geschichte von HGE.

Auf, also, weiter an der köstlichen Mosel entlang. Zweieinhalb Kilometer sind es auf dem Uferweg von Alf nach Sankt Aldegund. Sankt Aldegund auch so ein typischer Moselort: auf keltisch-römischen Fundament entstanden, mit einem schönen mittelalterlichen Ortskern den der Wanderer auf der Christophorusstraße erreicht, und umgeben von den typischen Neubauten der prosperierenden Nachkriegszeit.

„Salve! …. Mosella“ rief der römische Schriftsteller Ausonius im 4. Jahrhundert n.Chr. aus. „Sei gegrüßt, Mosel!“ als er vom Rhein über den waldigen und dunklen Hunsrück kommend, die bezaubernde Mosel wieder erblickte.

Anheimelnd erschienen ihm schon damals, in der Spätantike, die Mosellandschaft, die römischen Villen, die angenehmes Leben versprachen. Achtzig dieser Villen begleiteten den gesamten Flusslauf viele Generationen lang.

HGE kann sich, weil er viel über diese Zeit gelesen und im Fernsehen spannende Dokumentationen gesehen hat, in die Römerzeit, in die 4 Jahrhunderte nach Christus, versetzen.

Da sieht er in der Gemarkung Sankt Aldegund die römische Hochzivilisation, die römische Villa, das edle Landgut, die villa rustica. Ein reicher Trierer, einer aus der nahen römischen Hauptstadt Westroms, aus der Colonia Augusta Treverorum, oder auch ein bekannter örtlicher Weinhändler hatte hier seine Sommerresidenz, sein großes Weingut. Für eine lange Zeit! Für zweihundert Jahre? dreihundert Jahre? fünf Generationen lang? neun Generationen? Wer weiß es? Nach menschlichem Ermessen für ewige Zeiten, jedenfalls. An ein Ende dieser glücklichen Zeit glaubten weder die Mosellaner noch die Rheinländer. Waren sie doch durch die Legionen, den Rhein und den römischen Grenzwall lange Zeit gut geschützt.

Hier in Aldegund besaß die Mosel einen toten Seitenarm. Hier gab es einen Hafen. Hier wurde jahrhundertelang Wein gekeltert, Wein verladen; hier gab es ein reiches Handelsleben. Händler hatten ihre Lager, Wein wurde in Amphoren oder Fässer gefüllt, Lastschiffe fuhren, Wagen rollten auf Römerstraßen nach Xanten, Köln, Mainz und Trier. Bei Senheim querte ein Zweig einer Römerstraße die Mosel, vielleicht wie heute schon auf einer Brücke oder im Sommer bei geringem Wasserstand in einer Furt.

Ausonius, der hohe kaiserliche Beamte aus Trier, beschreibt in seiner Mosella den Wohlstand, das gute Lebensgefühl, hier an der Mosel, die reizvoll gelegenen Landhäuser, den guten Wein, der hier gekeltert wurde, die fleißigen Arbeiter im Weinberg, die wohlhabenden Villeneigentümer. Er schaute bereits auf „antike Mauern“, so viele Jahre war das Moselland bereits „römisch“!

Wer wissen möchte, wie es sich in einer villa rustica vor zweitausend Jahren lebte, kann sich dies in der realistisch und fast original wieder aufgebauten Römervilla in Perl an der Mosel vor Augen führen. Wer die Römertage der Villa Borg im August besucht, wird begeistert sein.


Römer Villa

Römervilla Borg in Perl an der Mosel

Römer Villa

Römervilla Borg Blumengarten


Gleich im Neubaugebiet von St. Aldegund, nur ein Stück die Straße hinauf, hat die Gemeinde einen schönen Platz hergerichtet. Hier hat sie den ganz in der Nähe ausgegrabenen römischen Sarkophag aufgestellt. Hier wurde die Domina, die Hausherrin der damals nahebei gelegenen römischen Villa mit wundervollen Glasbeigaben bestattet. Ein feines blaues Glasschiffchen, das man mit anderen Grabbeigaben 1953 im Sarkophag fand, ziert heute das Archäologische Museum in Koblenz, hoch oben auf dem Ehrenbreitstein.

Sankt Aldegund

spätrömischer Sarkophag

Grabbeilage

Schiffchen - blau - heute: Koblenz Ehrenbreitstein


HGE lässt seine Hand über den Steinsarg gleiten; springt die alte Geschichte über? Ein wenig Wehmut ist dann immer dabei. Warum wurde das gesamte Imperium Romanum von den Germanen auf ewig zerstört?

Ein nettes Ehepaar aus der Nachbarschaft hat den Platz „adoptiert“ und pflegt diesen heute. HGE, von der Hitze des Junitages ganz schön erschöpft und unter der Schatten gebenden Linde sitzend, beobachtet sie, wie sie den Brunnen, die Bänke und den gepflasterten Platz intensiv reinigen.

HGE sagt „Danke“ für die Mühe, und geht in Richtung zur Brücke zwischen Aldegund und Neef weiter.

„Alte Häuser – alte Sitten – noch immer gilt das in Aldegund“, wusste Ludwig Mathar, 1921 niedergeschrieben in seinem famosen und kenntnisreichen Buch „Die Mosel“. Wer die alte Christophorusgasse in Sankt Aldegund durchschlendert, wird begeistert sein, von den uralten Fachwerkhäusern mit den außergewöhnlichen schön geschnitzten Haustüren.

HIC HABITET FELICITAS – NIHIL INTRET MALI; EXSTRUCTA 1473 kann man oben am Dach lesen. So steht es da! „Hier wohnt das Glück; niemals trete das Unglück ein - erbaut 1473“ könnte man es übersetzen. Die Hausecke schmückt der in Holz geschnitzte und farblich gefasste „Heilige Christophorus“ von 1710.

Sankt Aldegund

Christophorusgasse


Ein Muss für den Moselliebhaber ist die Alte Kirche, Sankt Bartholomäus, weiter oben am Hang. Dort sind die Kunstmäzene Peter und Irene Ludwig aus Köln bestattet. Trumpf Schokolade und Museum Ludwig in Köln verbindet man mit ihnen, aber Sankt Aldegund? Das Kirchlein hat sehr von diesem vermögenden Paar profitiert. „Das Leben war der Kunst gewidmet“ steht auf der dunklen Schieferplatte. Also auf jeden Fall angeschaut, das alte Kirchlein, die schön gestaltete Begräbnisstätte und innen die wiederbeschaffte, künstlerisch wertvolle Ausstattung. Den Schlüssel für die Kirchentür muss man sich allerdings im Ort besorgen.

Alte Kirche St. Aldegund

Begräbnisstätte Ehepaar Ludwig


Hinter Sankt Aldegund, HGE nimmt den Uferweg an der Staustufe entlang bis zur Brücke nach Neef, baut sich linkerhand, Schritt für Schritt der mächtige, sichelförmige Calmont auf.

Der Weg führt an kleinen Parzellen von Pfirsichbäumchen auf Bremm zu.

Bremm ist seit einiger Zeit der Hauptort für die Wiederentdeckung des Mosel-Weinbergpfirsichs. Die Früchte sind im September reif und dann klein, durch und durch stark rötlich, mit pelziger Schale aber voller Pfirsicharoma.

Hierzu eine kleine Weinbergsepisode aus dem September 2006:

Nach einer Wanderung von Cochem über den Valwiger Berg nach Beilstein gab‘s kurz vor der Rückfahrt mit dem Schiff eine erinnerungswürdige Weinbergpfirsichgeschichte:

Ende September „purzeln“ ja aus warmen, sonnigen Klüften, Engen und Höhen die reifen rotwangigen Weinbergpfirsiche den Hang hinab und hüpften in große Weidenkörbe auf einen Verkaufstisch vor dem Städtchen Beilstein an der Moselstraße.

Ein adipös dickes Ehepaar mit eben solchem Kind verkauften diese köstlichen Früchte. Das Kilo für: € 1,99.

Ute und HGE kauften einen Korb voller Früchte für zu Hause in Düsseldorf, um davon Marmelade zu kochen. Das erste Glas durfte dann aber erst am 1. Advent geöffnet werden, denn bis dahin habe sich das volle Pfirsicharoma in der Marmelade entwickelt.

Umständlich mit Fingern wurden die georderten 2 Kilo berechnet.

Da bereits Abend und damit Geschäftsschluss beluden sie vor aller Augen einen uralten Fiat 500 mit all den Gerätschaften. Oben auf dem schmalen Dach landeten Tisch und Körbe, sie selber zwängten sich ob ihrer Leibesfülle nur mühsam auf die engen Sitze des Miniwagens und tuckerten mit einem runden Schild am Heck des Wagens: - 25 Km - Richtung Briedern langsam davon.

Auf der Calmontstraße durchquert HGE Bremm. HGE möchte heute den Calmont, den steilsten Weinberg der Mosel kennenlernen. Dort gibt es auch einen besonderen Wanderweg:

Das ist der berühmte „Calmont Klettersteig“, auf dem der Wanderer keine besonders ausgeprägte Höhenangst haben sollte, da es manchmal an Drahtseilen und über eiserne Leitern durch die Wingerte geht. Gelegentlich sieht HGE in weiter Ferne winzige Wanderer auf halber Höhe auf dem schmalen Pfad entlanggehen. HGE hat diesen Weg absolviert, weil der für die Mosel berühmt ist und auch um danach oben auf dem Calmont in 352 Meter Höhe den wieder erstandenen Tempel der „Römer“ zu besuchen.

Leitern und Seile

Calmont Klettersteig


So zwei Stunden hat HGE für die Durchquerung gebraucht. Man sollte nicht zu spät losgehen, da ansonsten viel Gegenverkehr herrscht und man an den Engstellen und Leitern ziemlich lange warten muss.

Blick zur Klosterruine Stuben

Calmont Klettersteig


Nach Erreichen der Endstelle des Klettersteigs am Bahnhof von Ediger-Eller zweigt der Rückweg nach Bremm über den Höhenzug des Calmonts scharf links ab. Auch für HGE ist es bei 65 Grad Hangneigung hart bis auf die Höhe des Calmont zu gelangen. Da büßt man doch für so manche frühere Sünde und fragt sich: wofür die Mühe? Aber es lohnt sich, diesen historischen Ort zu besuchen.

HGE umrundet das schöne Gebäude in rot und weiß, ein spätrömisches Bergheiligtum aus dem 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr., schaut durch eine Holzluke in der Pforte in die cella, den im Dämmerlicht liegenden Kultraum.

Die Architektur des römischen Tempels tut dem Auge wohl, wie fast alle antik römischen Gebäude. So eine Harmonie der Gestaltung in Symmetrie und Goldenen Schnitt. Auch die Farbgestaltung gefällt, das Pastellrot der tragenden Konstruktionen, das Weiß der Wände und die dunkel gewachste Holzpforte. Das umlaufende Dach wurde mit rotgebrannten Terrakottaziegel vom Rhein gedeckt.

Römischer Tempel

Röm. Bergheiligtum auf dem Calmont


Für die römisch keltischen Bewohner des Flussufers bei Bremm, Neef und St. Aldegund war es sicher sehr anstrengend zum Tempel zu gelangen. Warum haben sie sich diese harte Anstrengung auferlegt? Vielgefundene Opfergaben wie Münzen, Fibeln und kleine Tonfigürchen zeugen vom religiösen Charakter des Ortes.

Der Blick schweift von hier noch einmal in die herrliche Mosellandschaft, hinüber zum Petersberg mit der Kapelle, hinunter nach Bremm und zur Klosterruine Stuben, Richtung Senheim erblickt man die Eisenbahnbrücke bei Ediger-Eller.

Nach dem steilen Abstieg nach Bremm gibt’s in der Calmontstraße reife tiefrote Weinbergpfirsiche in Körben vor einem Wohnhaus zu kaufen. Bremm hat die Weinbergpfirsiche wiederentdeckt. Wie schön für uns Moselbesucher!

HGE legt das geforderte Geld in einen Kasten, es ist sonst niemand da, und ein Stück weiter beim Winzer kauft HGE Roten Weinberg Pfirsich-Brand „hergestellt aus heimischen, roten Weinberg-Pfirsichen“. Köstlich!

Der germanische Furor hat zuerst in der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts nach Christus an der Mosel aber auch überall sonst am linken Rheinufer für Angst und Schrecken gesorgt, um dann Ende des 4. Jahrhunderts im Rheinland endgültig alles Zivilisierte für ewig in Schutt und Dutt zu hauen. Ab Mitte des 3. Jahrhunderts, nach 200 Jahren des Friedens, kam es zunehmend zu Überfällen germanischer Horden auf die Villen der Reichen und Winzer entlang der Mosel und im gesamten Rheinland. Nichts und niemand konnte sie dauerhaft stoppen. Wie wildgewordene Indianer mordeten, raubten und vergewaltigten sie. Auf den gut ausgebauten Römerstraßen von Andernach oder Bingen kommend, waren sie rasch auf ihren schnellen Pferden unterwegs.

Vor dieser schrecklichen Zeit lagen zwei Jahrhunderte des Friedens und einer guten Entwicklung. Jeder, der sich etwas intensiver mit der Geschichte des römischen Rheinlandes und besonders der von Trier, Köln und Mainz beschäftigt, wird wehmütig sein, dass diese Hochzivilisation durch die brutalen, mörderischen Zerstörungen ein Ende gefunden hatten. Was wäre der Menschheit in Europa erspart geblieben, wäre das Imperium Romanum intakt geblieben!

Was dann kam: dieses dunkle, sich nur zäh und langsam entwickelnde Mittelalter.

Erst nach eintausend sechshundert Jahren hat Europa wieder einen hohen Zivilisationsstand erlangt, den es im Wesentlichen schon zur Römerzeit gehabt hatte: große Städte mit einer funktionierenden Stadtverwaltung, mit gepflasterten Straßen, Märkten, Theater, Bädern, Schulen und Krankenhäusern; es gab gesundes, sauberes Trinkwasser, Abwassersysteme, Bibliotheken und Schulen. Die Bessergestellten, auch die Legionäre, konnten meist Lesen und Schreiben.

Nach den Abschweifungen auf die linke Moselseite von Alf bis zum Calmont, geht’s nun weiter auf dem eigentlichen geplanten Weg von Bullay nach Beilstein. Das sind noch 20 Kilometer.

HGE kommt an einem der vielen Campingplätze am Moselufer vorbei. Der Leinpfad am Ufer ist glücklicherweise für die Wanderer frei geblieben.

Da liegen sie, da sitzen sie, „unsere“ Camper, vor ihren immer größer werdenden Wohnmobilen. Bewegungsarm, meint man im Vorübergehen, wird der Tag verbracht.

Und da, das mittelalte Paar: er mit aufgeblähtem Froschbauch liegt vor seinem Campingfahrzeug rücklings auf einer Klappliege. Die breit ausgefaltete Bildzeitung bildet ein Dach über der Bauchtrommel. Sie bewegt sich leicht im Moselwind. Ein Traum geht über das Gesicht, das grinsend zuckt. Die traumhaften Vorstellungen vom abendlichen Grillen, von fetten Würsten und triefenden Schweinenackensteaks, vom gekühlten Bier aus dem 5-Liter-Fäßchen verursachen wohligen Zuckungen in seinem Gesicht. Das ist das Camperglück! Und sie, die Camperin, etwas matronenhaft füllig, betüttelt den bedauernswerten Dackel, der auch zur Bewegungsarmut verdammt ist.

Der werte Leser möge dem wanderhageren HGE verzeihen, wegen dieser etwas bösartigen Gedanken. Aber, man sitzt, man liegt, man pusselt um das mobile Heim herum. Den ganzen Tag. Was soll man auch sonst tun?

Jetzt wird es sonnig, jetzt wird es heiß, heute. Von Bullay bis nach Neef, dem nächsten Ort, sind es vier Kilometer. Die Sonne strahlt direkt von Süden in diesen schnurgeraden Süd-Nord Moselabschnitt. Der Wanderweg führt oberhalb der Eisenbahnstrecke entlang. Es ist so südlich hier, so italienisch heiß. Wenn man bedenkt, dass die Eisenbahnschienen hier nicht nur nach Koblenz oder Trier führen, sondern man auf ihnen immer weiter Richtung Süden bis ins ferne Italien reisen könnte.


Bei der Schleuse von Sankt Aldegund, vom Neefer Ufer aus, kann HGE seine wandermüden Füße ein wenig ausruhen, etwas Wasser aus der mitgetragenen Mineralwasserflasche trinken und den Schleusenvorgang eines Schiffes beobachten.

Gerade wird die MS Princess geschleust, das Flusskreuzfahrtschiff mit den älteren Herrschaften auf dem Promenadendeck. Zwei weiß lila gepuderte englische Seniorinnen sind am Fernster des klimagekühlten Bordrestaurants zu sehen. Sie nehmen wohl gerade eine Nachspeise zu sich. Zwei ältere Herren beobachten vom Sonnendeck den Schleusenvorgang und rauchen dabei. Während der heiße Talwind HGE ins Gesicht bläst. Jetzt dort im kühlen Schiff sitzen, ein Glas Wein vor sich, das wäre etwas!

Bei Neef teilt sich der Wanderweg. Hier kann man sich entscheiden: weiter am Ufer oder hinauf, über den Petersbergsattel, 150 Höhenmeter weiter oben, zwei Mal 110 Stufen durch den heißen Weinbergshang hinter dem Bahnhof, zu der auf keltisch-römischen Fundamenten stehenden Peterskapelle. Nach schon vier Wanderstunden und der herrschenden Sommerhitze auch ganz schön anstrengend. Aber der weite Moselblick auf den Calmont, auf die Eisenbahnbrücke über die Mosel, auf die Zufahrt in den berühmten Bahntunnel, ehemals Kaiser-Wilhelm-Tunnel, bei Eller und hinunter nach Neef und zu der Klosterruine Stuben, das lohnt allemal die Anstrengung.

bei Neef

Hinauf zum Petersbergsattel


HGE kommt aber vollkommen verschwitzt oben an. Nach Besichtigung des höchsten Punktes, dem Eulenköpfchen, braucht HGE erst einmal eine halbe Stunde unter den Schatten gebenden Kastanien an der Kapelle auf einem halbhohen Mäuerchen sitzend, um mit dem mitgebrachten Trinkwasser, dem Traubenzucker und der Nusskernmischung von der Firma Seeberger wieder zu Kräften zu kommen. Glücklicherweise bläst ein kühlender Wind.

Schon Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus, nach dem Fall des Landlimes rechts des Rheins, nahm die germanische Bedrohung auch der römischen Provinz Belgica und damit der Hauptstadt Trier und dem gesamten Moselgebiet stetig zu. Hier oben auf dem Petersberg unterhielten im Dienste des römischen Militärs Soldaten für Jahrzehnte eine Wachtstation. Von hier konnten die Wachtsoldaten die Bremmer Moselschleife und die alte Römerstraße auf dem gegenüberliegenden Ufer bis hinunter nach Senhals übersehen. Wenn Germanengefolgschaften auf der Mosel oder auf der Straße anrückten, wurden auf einer Signalstrecke bis nach Trier Alarm gegeben.

Meist mit Hornsignalen aber auch bei Sonnenschein mit Spiegeln sonst durch Schwenken von gelbroten Flaggen und des Nachts mit Feuerschein. Dann rückten aus dem Römerkastell Neumagen (Noviomagus) die alarmierte Kavallerie aus. Und in Trier schloss man die Porta Nigra.

Im letzten Weltkrieg haben von hier oben Flakschützen und Hitlerjungen den untauglichen Versuch unternommen, die wichtige Eisenbahnbrücke, die unten über die Mosel führt, gegen die heranrückenden Alliierten zu verteidigen.

Die Toten der umliegenden Gemeinden werden seit jeher hier oben bestattet. Als es noch keine Kraftfahrzeuge gab, schleppten die Sargträger die Toten den Berg von Neef hinauf.

Hier ist es schön! Hier oben ist Moselland, hier ist Moselgeschichte spürbar. „Wahrlich, da möchte man ruhn, wenn einst das Glöckchen den müden Wanderer ruft!“ schrieb Ludwig Mathar, der ausgewiesene Moselkenner, der einen ganzen Sommer in Sankt Aldegund verbrachte und wohl öfter hier war.

oberhalb von Neef

auf dem Petersberg


Vor Jahren konnte man von hier oben auf einem damals sicher viel begangenen Pfad wieder zum Moselufer, gegenüber von Eller, in das Naturschutzgebiet „Taubengrün“ absteigen. Doch dieser Pfad ist mittlerweile zugewachsen. Er wird wohl kaum mehr begangen. Doch HGE hat sich hier steil hinunter gewagt, mehr stolpernd als gehend, die Reste des Pfades immer mit den Augen suchend und hat damit etliche Wanderkilometer nach Beilstein abgekürzt.

Wer den heftigen Aufstieg zum Petersberg nicht machen möchte, wandert ruhigen Schrittes bei Neef am Moselufer weiter, vielleicht bemerkt er in Neef noch das spätromanische Burghaus, das von moderneren Häusern ummauert etwas im Hintergrund steht.

Neef Burghaus



An den vielen Wohnmobilen geht’s vorbei, die hier in Neef an der Moselbrücke stehen und weiter in die ausladende Moselschleife gegenüber vom Calmont und Bremm. Dann ist der Ort des ehemaligen Klosters Stuben erreicht. Da stehen die letzten grauen, hochragenden Mauerreste des Kirchengebäudes und verkünden vergangene Mosel- und Kirchengeschichte.

Von der Keltenzeit, der Römerzeit, dem frühen und späten Mittelalter. Immer lebten Menschen hier. Erst die wilden Truppen der Französischen Revolution vertrieben die letzten Bewohner aus dem Kloster und rissen die Habseligkeiten der Stiftsdamen an sich.

Klosterruine Stuben


HGE lässt sich ein wenig wandererschöpft auf einem Stein nieder und betrachtet die träge dahinfließende Mosel.

Könnte man im Zeitraffer all die vielen Boote und Schiffe vorbeifahren lassen, die seit Jahrtausenden den Fluss befuhren, so würde man viel über die Schifffahrt auf Binnengewässern lernen. All die Einbäume der Frühzeit, die Patrouillen- und Frachtschiffe der langen Römerzeit, der Treidelverkehr bis zur Entwicklung der Dampfschifffahrt.

Das erste Dampfschiff, die Mosella, befuhr die Mosel ab 1840.

Später gab es regelmäßige Fahrten der „Mosel-Dampfschiffahrt A.-G.“ aus Coblenz mit bequemen Dampfschiffen zwischen Trier und Koblenz.

Wöchentlich vier Abfahrten; „Restauration an Bord“, weist die Werbung für den Sommerfahrplan von 1905 aus. Übernachtet wurde „an Land“. Wegen des häufigen Wassermangels der Mosel im Sommer fiel jedoch so manche Dampferreise aus. Nach 100 Jahren Personendampfschifffahrt war dann vor dem 2. Weltkrieg Schluss. Erst nach dem Bau der Staustufen entwickelte sich ein, heute enormer, Verkehr mit Flusskreuzfahrtschiffen.



Mosel Dampfschiffahrt

Eifelführer von 1905


Auf HGE! Weiter! Es liegen noch vierzehn Kilometer bis nach Beilstein vor dir!

Nach der Klosterruine taucht der Wanderer Richtung Senheim und Beilstein in eine grüne Uferzone. Drüben die verlockenden Weindörfer Eller und Ediger im hellen Sonnenschein. Die Caféterrassen und Weinstuben sind gut besucht, dort lässt man es sich gutgehen. Hier auf der Schattenseite des 327 Meter hohen Berges mit Namen Hochkessel sind es jetzt acht Kilometer bis Senheim. Kein Haus, keine Brücke, immer geradeaus. Mal etwas bergan, dann wieder etwas bergab, immer am Ufer der Mosel entlang. Eine der seltenen Moselinseln, das Naturschutzgebiet Taubengrün, liegt linker Hand. Anderen Wanderern begegnet HGE nicht, gelegentlich rollen Holländer auf ihren Fahrrädern, meist schon E-Bikes, vorbei.

Ein Blick nach drüben, nach Nehren, sei erlaubt. Hoch oben am Weinberghang in fast zweihundert Meter Bergeshöhe kleben wie Schwalbennester zwei römische Grabhäuser. Hier haben sich reiche Bewohner einer nahen römischen Villa einen Begräbnisplatz geschaffen. Seit zweitausend Jahren haben die Seelen der Bestatteten einen wunderbaren Platz in der Moselschleife bei Senheim. Noch höher und nicht weit entfernt führte die alte Römerstraße in den Süden der Provinz Obergermanien. Heute ist das die Kreisstraße K22. Bergab in Senheim wurde die Mosel durch- oder überquert.

Nehren

Spätrömische Grabhäuser


Noch ist Senheim auf dem Uferweg nicht erreicht. Acht Kilometer am Moselufer, das dauert. Es ist heiß, das mitgeführte Trinkwasser ist zu Ende. Es stellt sich bei HGE starker Durst ein. Ein Liter für den heutigen Wandertag war zu wenig! Erst an der Brücke von Senheim gibt’s etwas zu trinken, denn dort könnte HGE etwas im Campingkiosk kaufen oder wie heute, Wasser aus dem Wasserhahn am Campingversorgungshaus entnehmen. Hier ist alles Holländisch, hier am Campingplatz „Holländischer Hof“. Senheim der Brückenort. Seit der Keltenzeit, Furt- oder sogar Brückenort.

Hier querte die Fernstraße den Fluss, stieg durch einen heute zugewachsenen und matschigen Hohlweg zum Hunsrück auf und mündete bei Simmern in die alte Römerstraße, jener von Trier nach Bingen, heute Ausoniusstraße genannt.

Erinnert sich der geschätzte Leser noch an die Marienkapelle bei Grenderich? Dem Kreuzungspunkt der historischen Fernwege, auch der Römerstraße.

Um ihren Sommergästen und den holländischen Campingnutzern etwas zu bieten, sind beim „Senheimer Weinfest“ im Juli aus der Region uralte Trecker – Agraschlepper – aufgefahren und zeigen welchen Krach sie noch heute machen können. Hübsche, riesige Rauchkringel schießen aus dem Auspuff in die Höhe.

Weiter geht’s neben dem Hafenbecken mit den Sportbooten.

Sind seit dem Wanderaufbruch in Beilstein am Morgen nun schon sechs oder sieben Stunden vergangen? HGE weiß es gar nicht mehr. Man geht und geht, und träumt so vor sich hin.

Zwischen Mesenich und Briedern, dieser weiten, nicht aufhörenden Moselschleife, da kommt HGE an einer Schar Jugendlicher aus dem Hunsrück vorbei. Wie die Jungs und Mädchen da so gemeinsam im Moselwasser planschen, vergnügt herumtollen. Da möchte man auch noch einmal so jung sein und mittollen!

Ein junger Bursche hat den alten blauen Ford Kombi ausgeladen, den Holzkohlengrill in Gang gesetzt, das Fässchen Bier auf die Bank gestellt. Haben die es gut, schießt es HGE durch den Kopf. Heute in der nachmittäglichen sommerlichen Hitze in der Mosel zu baden, um dann unter den alten Walnussbäumen zu grillen und gegen Abend beglückt nach einem schönen sommerlichen Tag wieder nach Hause, hoch in den Hunsrück zu fahren. Der Kombiwagen führt das Kennzeichen SIM.

Na endlich, Briedern, der letzte Ort vor Beilstein ist erreicht. HGE beobachtet die alte Schiffswerft am Moselufer. Ob das weiß gestrichene Ausflugsschiff jemals fertig wird? Lag es nicht schon seit Jahren so halbfertig da?

Nach Briedern biegt HGE in den Beilsteiner Moselbogen. Und da zeigt sich in noch zwei Kilometer Entfernung Beilstein tatsächlich im hübschesten Abendlicht.

Beilstein

Beilstein - das Ziel ist bald erreicht



HGE kann sein „Beilsteiner Fest“ begehen! Es ist die erwünschte und hart erwanderte Belohnung.

Burg Metternich, auf hohem Bergrücken oberhalb des Örtchens, hell doch mild bestrahlt. Weingärten mit ersten leichten herbstlichen Farbtupfern ziehen sich wie Webgarn die Hänge hinauf. Umgeben vom hohen Rund der weichen Silhouetten der Hunsrückberge.

Links die Klosterkirche, die weißen Häuser, die Hotels und Gaststätten. Die Gebäude gebaut aus den Tuffsteinen der nahen Vulkaneifel, die Dächer mit dunklem rheinischem Schiefer belegt. Entlang des Ufers die romantischen Gartenterrassen überwachsen mit Weinlaub.

Es ist warm. Die Mosel plätschert. HGE sitzt auf der Mauer am Fluss und schaut nach Beilstein. Mit seiner Digitalkamera „schießt“ er ein schönes Foto, und freut sich, dies im grauen Winter immer wieder ansehen zu können.

Das mit Kies beladene Binnenschiff "Anke" aus Rotterdam tuckert stromauf mit sonorem und stetem Motorengedröhn.

Warum fließt die Mosel hier bei Beilstein so langsam? „Zu schön ist dem alten Flusse der Blick auf Städtchen, Kloster und Burg; er will sie spiegeln mit vollem Behagen und ins Gedächtnis nehmen, bevor er zu Rhein und Ozean weiterwallen muss….“ wusste Ludwig Mathar 1921 in seinem Buch „Die Mosel“ aufzuschreiben.

Auf der herrlichen Moselterrasse des bekannten Hotels Lipmann, von Wein belaubt und an alten Steintischen sitzend, gibt es zur Belohnung und aus purer Lebensfreude einen Pokal kühlen Beilsteiner Silberberg, Riesling Kabinett.

Man könnte ewig auf der Terrasse sitzen bleiben, dem langsamen Ziehen des Moselwassers zusehen, Wein trinken, spüren wie die fortschreitende Jahreszeit die Landschaft verändert. Man möchte sitzen bleiben, bis sich an der Nasenspitze im Winter Eiszapfen bilden, die Haare vom rieselnden Schnee eisgrau werden. Immer möchte man bleiben, und die Zeit anhalten.

Düsseldorf im Juli 2016




Literaturhinweise

Ludwig Mathar: Die Mosel, 2. Band, 1. bis 5. Aufl., Köln, J.P. Bachem, 1921, antiquarisch
D. Magnus Ausonius, Mosella, Lateinisch / Deutsch, übersetzt von Otto Schönberger, Stuttgart, Reclam, 2000
C.A. Jost in: Cochem-Zell, Landschaft an der Mosel, Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, Band 46, Theiss, 2005
Linus Mundy: Das Geh-Betbuch, Herder, Freiburg, 1996
Hermann Ritter in: Rheinische Landschaft in: Rheinland: „Ein Volksbuch zur Tausendjahrfeier Rheinischen Landes, Düsseldorf, L. Schwann Verlag, 1925, antiquarisch
Dr. Joh. Hönl: Die Geschichte von Beilstein an der Mosel, Eigenverlag, 1978
Dr. Peter Blum: Beilstein, Bad Neuenahr, 2.-5- Aufl., herausgegeben von Prior Remigius Hümmer, Karmelitenkloster Beilstein, 1967
Kurt Tucholsky: Denkmal am Deutschen Eck, Die Weltbühne, 14. Januar 1930, Nr. 3, S. 94
Eifelführer, Herausgegeben vom Eifel-Verein, 11. Aufl. Trier 1905 und 17. Aufl. Trier 1911
Wanderkarte „Wandergebiet Mosel“ Ferienland Cochem und Treis-Karden LVermGeo 1:25000, 3. Auflage 2009
Wanderkarte „Wandergebiet Mosel“ Ferienregion Zeller Land LVermGeo 1:25000, 1. Auflage 2010
Rad- und Wanderkarte Cochem-Zell, publicpress 1: 25000 5. Auflage